Industrieunternehmen sind bei der Umstellung von L-Gas auf H-Gas mit einem speziellen Problem konfrontiert. Denn die H-Gas-Qualität schwankt deutlich stärker als die L-Gas-Qualität. Anne Giese, Abteilungsleiterin am Gas- und Wärme-Institut (GWI), erläuterte in einem Vortrag im Rahmen des jüngsten „Forums Marktraumumstellung“ der Bundesnetzagentur das Problem. H-Gas kommt aus geologisch sehr unterschiedlichen Quellen. Aufgrund des internationalen Gashandels ändert sich die Herkunft des Gases. Innerhalb der durch das DVGW-Regelwerk vorgegebenen Bandbreite können der Brennwert, aber auch andere Bestandteile des Gases stark schwanken. „Dies kann innerhalb von zehn Minuten passieren“, sagte Giese.

Bei einer Umfrage des GWI haben 48 Prozent der befragten Industrieunternehmen angegeben, solche Schwankungen erlebt zu haben. Vier Prozent berichteten von täglichen Schwankungen. Die Auswirkungen können sehr unterschiedlich sein. Teils haben die Schwankungen keine Folgen, sie können aber auch die Produkt- und Prozessqualität deutlich beeinträchtigen. Giese berichtete plastisch von einer Simulation aus der Glasindustrie, wo die Brennflamme ohne eine Regelung von Leistung und Luftzahl bis zu zwei Meter länger war, wenn statt Russland-Gas Nordsee-Gas verwendet wird.

Installation einer Heizwertmessung vonnöten

Für die Industrieunternehmen und die Netzbetreiber ist die Frage, wie sie mit dem Problem umgehen. „Wir erleben bei zahlreichen Kunden, dass schwankende Gasbeschaffenheit einen signifikanten Einfluss auf Produktqualität und Sicherheit der Mitarbeiter haben kann“, erläuterte Uwe Pfannschmidt, Geschäftsführer der Digasko GmbH. „Einer unserer Kunden hat im Rahmen der Umstellung auf eigene Kosten eine Heizwertmessung installiert, um das Gas-/Luftverhältnis an den Brennern der Schmelzöfen genau regeln zu können“, führte er aus. Digasko ist auf die L-/H-Gas-Umstellung von mittleren und großen Industriekunden spezialisiert. Die Kosten des Einbaus einer solchen Messung erkennt die Bundesnetzagentur allerdings nicht als Umstellungskosten an. Christoph Thäsler von der Beschlusskammer 9 der Bundesnetzagentur begründete seinen Ansatz beim „Forum Marktraumumstellung“ indem er ausführte, dass Industrieunternehmen in etablierten H-Gas-Netzen die Investition für eine derartige Heizwertmessung schon heute selbst tragen müssten.

Regionale Netzkonditionierungen denkbar

Für GWI-Abteilungsleiterin Giese wären neben unternehmensindividuellen Lösungen auch regionale oder nationale Netzkonditionierungen denkbar. Bei Industrieverbänden ist das Thema angekommen. „Noch kocht nichts hoch, zurzeit sind die Qualitätsschwankungen beherrschbar“, sagte unterdessen ein Verbandsvertreter. Aus der chemischen Industrie kommen allerdings Forderungen, Höchstanteile bei den Komponenten von Gas im Regelwerk zu berücksichtigen. „Richtig gravierend wird für uns das Problem erst bei höheren Wasserstoffbeimischungen“, sagte ein Industrievertreter zu energate. Der DVGW reagierte gelassen. „Die langjährigen Erfahrungen zeigen bislang bis auf wenige regional begrenzte Ausnahmen generell keine ernsthaften Probleme mit Gasbeschaffenheitsschwankungen“, teilte der DVGW auf energate-Anfrage mit. Man nehme aber Erfahrungen von Industrieunternehmen sehr ernst. Gemeinsam mit weiteren Branchenverbänden hat der DVGW eine breit angelegte Studie zu Gasbeschaffenheiten aufgelegt. Diese soll in Kürze veröffentlicht werden.

Quelle: energate / hl